Samt und spitze Dornen

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Samt und spitze Dornen

Art.Nr.: 0001
Beschreibung

Ein Buch voller Rosentexte. Liebesglück und Liebesleid, Sehnsucht und Wehmut, Begegnung und Abschied, eine Priese Humor und Crime, ein Gesang auf die Jugend und die zerbrechliche Schönheit des Alter,  und natürlich ein Loblied auf die Rose, die uns ein Leben lang begleitet.
Eine herrliche Mischung: süß, sahnig, herb-bitter und hochprozentig. Literarisches Konfekt, ein Geschenk für jeden.

 

 

 

12,50 EUR
inkl. 7 % MwSt. exkl.

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Details zum Produkt

Textauszug:   2 mal 21 Rosen von Roland Künzel

Als ich in den Bus stieg, besaß ich einen dicken Strauß roter Rosen. Als ich ausstieg, war er weg. Leider merkte ich das erst an der Straßenecke vor Annikas Haus. Ich hatte ihn liegen lassen. Einundzwanzig dunkelrote Rosen. »Samtdunkelrot«, hatte die Verkäuferin behauptet und hinzugefügt: »Sorte Erotika.« Offenbar ahnte sie, was ich vorhatte. Oder sie wollte mir den Preis schmackhaft machen: 42 Euro. Zwei Euro für jedes Lebensjahr. Und noch zwei Minuten bis halb vier. Annika hatte mich zum Geburtstags-Kaffee eingeladen. Nur mich. Die Party würde erst am Wochenende stattfinden.
Mir war klar, worauf ich mich einließ. Sie wohnte noch bei ihren Eltern. Und ich war der erste Freund, den sie sozusagen offiziell vorstellen wollte. Ich hoffte, auch der letzte, denn ich liebte sie. Allerdings wurde im Hause Kröger auf Etikette geachtet – kein Wunder bei einem Haus, das im vornehmen Vorort Schönau lag - und zur Etikette gehörte auch Pünktlichkeit. Ich hatte noch neunzig Sekunden, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Neunundachzig. Die Katastrophe nahte. Ausgerechnet jetzt fielen mir Berichte von Menschen ein, die ihr letztes Stündlein kommen sahen und in dieser misslichen Lage ihr ganzes Leben an sich vorüber ziehen ließen. Bei mir war es eine spannende Revue – von der Einschulung bis zum ersten Kuss – aber sie kostete mich wertvolle zwölf Sekunden.
Ich spendierte mir weitere Sekunden, um Problem-Lösungs-Strategien zu entwickeln. Es gab zwei Alternativen. Die erste hieß: Leere Hände, pünktlich, ehrlich. Die zweite: unpünktlich, aber mit einem Rosenstrauß aus dem nächsten Blumenladen – wo immer er auch sein mochte. Gnadenlos rückte der Sekundenzeiger vor. Immerhin, so lobte ich mich selbst, schaffst du es, im Angesicht existenzieller Bedrohung deine Lage glasklar zu analysieren, und das ist besser als ziellose Panik. Schon wollte ich mich für die erste Möglichkeit entscheiden: Flucht nach vorn. Ehrlich währt am längsten. Wenn man sich liebt, sind Äußerlichkeiten zweitrangig. ...wollte ich mich für die erste Möglichkeit entscheiden, als mein Blick auf ein Rosenbeet genau vor meinen Füßen fiel. Es gehörte zu einem großzügigen Vorgarten, der zur Straße hin offen war. Die Rosen waren nicht nur rot, sie waren samtdunkelrot. Erotika. Kein Zweifel! Kein Zögern. Ich klappte mein Taschenmesser auf. Die dritte Alternative. Die Rettung. Schräg anschneiden. Einundzwanzig Mal. Danach wirkte das Beet seltsam leer. Dafür hatte ich volle Hände und klingelte pünktlich um halb vier bei Annika, die glücklicherweise erst auf dem übernächsten Grundstück wohnte.
Sie trug ein langes, geblümtes Kleid und sah hinreißend aus. Ihre blonden Haare fielen offen auf den Rücken und umspielten ein Stillleben aus Kornblumen, Lilien, Hyazinthen und - Rosen.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«, sagte ich artig, nachdem wir uns geküsst hatten. »Und vielen Dank für die Einladung. Ich habe eine Kleinigkeit mitgebracht.« Nach dieser Vorrede wechselten 21 Rosen den Besitzer.
»Die sind ja prachtvoll«, sagte Annika und lotste mich ins Esszimmer. Dort warteten ihre Eltern und eine festliche Kaffeetafel. Sie stellte mich vor: »Das ist Jonathan Lietz.«
»Ein wundervoller Strauß«, lobte Frau Kröger, und auch ihr Gatte nickte anerkennend. Ich atmete erleichtert auf und setzte mich. Kurz darauf drang das Klimpern von Schlüsseln aus der Diele.
»Kommt noch jemand?«, fragte ich. Annika war schon aufgesprungen.
»Das ist meine Oma. Sie wohnt nur zwei Häuser entfernt.« In der Diele entspann sich ein längeres Gespräch, von dem man im Esszimmer zwar nicht den Inhalt, aber doch die Stimmung mit bekam. Die Oma schien sehr aufgeregt zu sein. Ich übrigens auch. Zwei Häuser entfernt. Aufregung. Warum? Fehlte etwas ... vielleicht im Vorgarten? Wieder analysierte ich in Sekundenschnelle die Lage und kam zu einem klaren Ergebnis: Sie war nicht nur ernst. Sie war hoffnungslos. Oder?
Annika und ihre Großmutter betraten das Esszimmer. In ihrem fliederfarbenen Kleid und mit ihrer tadellosen Frisur hätte man sie mit der Queen verwechseln können. Doch sie schien nichts von englischer Höflichkeit zu halten. Ohne Begrüßung kam sie sofort zur Sache.
»Meine Rosen sind weg«, sagte sie. Ich war empört, denn sie log. Die Rosen waren da. Sie standen vor ihr auf dem Tisch, aber das schien sie gar nicht zu bemerken. Wobei, hielt ich ihr zugute, die Frage nach der Wahrheit hier auch eine Frage des Standpunkts war. Von ihrem Standpunkt aus waren sie weg und von meinem her gesehen waren sie da. Von wegen ewige Wahrheiten, meine Herren Philosophen – Kant, Sokrates und wie ihr alle heißen mögt! Diese Oma kommt ins Esszimmer und rüttelt an den Grundfesten unserer Welt, weil sie eine Aussage macht, die sowohl wahr als auch falsch ist. Oder wackelten in diesem Moment etwa meine Fundamente?
»Ich habe sie nur für Annikas Geburtstag gepflegt.« Jetzt bekam ihre Stimme einen jammernden Unterton. Hätte die Queen je gejammert? Ihre Klage gipfelte in zwei weiteren Lügen: »Es war eine ganz ausgefallene Sorte. ‚Feuer von Capri’. Purpurrot.« Sie log schon wieder, und das, ohne rot zu werden! Fast wäre ich aufgesprungen und hätte protestiert: »Stimmt nicht! Erotika! Samtdunkelrot!« Kein Wunder, dass der moralische Verfall der Menschheit fortschreitet, wenn nicht einmal mehr die alten Leute ein Vorbild an Wahrhaftigkeit geben können! Zwei Lügen auf einmal ... Sollte ich mich mit dieser Familie wirklich näher einlassen? Aber ... Ich wurde unsicher ... Vielleicht hatte die Verkäuferin geschwindelt und mir gar nicht Erotika, sondern Feuer von Capri verkauft? Wurden um mich herum Lügen verbreitet und Intrigen gesponnen? Stand ich etwa im Zentrum eines Komplotts? Aber warum ausgerechnet ich? Ich hob den Kopf und sah in vier Paar Augen, die ernst und erwartungsvoll auf mich gerichtet waren....


Material

 Softcover, 144 Seiten, 54 Teste von 45 Autoren

 


Extras

Rosendessert "Rose de provins"

100 g Mehl, 50 g Speisestärke
1 Ei, 2 EL Wein, 1/4 l Milch
Salz, Zucker, 1 Tasse Rosengelee
4 Duftrosen (Rosen gallica), 1/8 l Öl

Mehl, Speisestärke, Ei und Flüssigkeiten verquirlen, je eine Prise Salz und Zucker zufügen. Von den Blütenblättern den weißen Boden abschneiden, weil er gern bitter schmeckt, zu je 3 Blütenblättern zuerst in Rosengelee dann in Ausbackteig tauchen und im heißen Öl hellbraun backen. Rosengelee mit in Streifen geschnittenen Blütenblättern einer Rose erhitzen und zu Mus einkochen. Anrichten: Je Portion 5 gebackene Blütenblätter, 1 Löffel Crème fraîche, 1 Klecks Rosenmus, mit Puderzucker bestäuben und mit einer Rosenblüte dekorieren. Wer's mag, gibt einige Tropfen Balsamicoessig auf die gebackenen Blüten.




Weitere Bilder

Samt und spitze Dornen
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Für weitere Informationen, besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Artikel.


Diesen Artikel haben wir am Tuesday, 15. December 2009 in unseren Katalog aufgenommen.


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