Wasser Geschichten
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LESEPROBE
Mechthild geht schwimmen
Das Hallenbad war seit neun Uhr geöffnet, und wie jeden Morgen hatte Mechthild eben ihren altersschwachen Golf in beängstigend schneller Weise unter jaulendem Motorgetöse nur wenige Millimeter vor den Fahrradständern zum Halten gebracht, um pünktlich Viertel nach neun in ihrem wehenden, sonnenblumengelben Bademantel hereinzurauschen. Mechthild liebte fulminante Auftritte. Ihr Leben als provinzielle Turn- und Hauswirtschaftslehrerin war nicht sehr aufregend gewesen, zwang sie das auf engste Vorgaben gegründete Arbeitsverhältnis im Mädchenpensionat doch bis zu ihrem Renteneintritt vor fünf Jahren in strenge Konventionen. Nun, frei und seit längerem verwitwet, war sie wild entschlossen, der Lebenslust rigoros auf die Sprünge zu helfen. Überzeugt trug Mechthild ihre Badehauben wie Kronen der Freiheit. Sie fand sie überaus kleidsam, zudem hatten sie diesen straffenden Effekt, ein Kriterium von erheblicher Relevanz, wie Mechthild fand. Ingesamt strahlte Mechthild jene Gelassenheit aus, die furchtlosen Menschen eigen ist. Das blieb nicht ohne Wirkung auf die männlichen Schwimmer höheren Alters, die regelmäßig im städtischen Bad ihre Bahnen zogen. Herr Schmiedel, ein schmalbrüstiger Herr und früher einmal Bibliothekar, war tief beeindruckt von Mechthilds reifer Grazie und betonte dies, wann immer er sie sah. Herr Gusemann komplimentierte ihr wortlos, dafür augenzwinkernd. Ein wenig vulgär fand Mechthild die Art des Seniorchefs der Baumschule Gusemann schon, doch traf der wohlproportionierte und noch muskulöse Körper des Vierundsiebzigjährigen viel mehr ihren Geschmack, als die von der Natur und dem geistigen Leben sehr vernachlässigte Erscheinung von Herrn Schmiedel. Herr Gusemann hatte auch noch erstaunlich volles Haar, dessen weiße Farbe sogar glitzerte, wenn er nach einem kräftigen Delphinschwung aus dem Wasser emportauchte.
Aber Mechthild war an diesem Morgen noch weit davon entfernt, eine Liaison zu suchen. Nachdem ihr Gatte plötzlich an den Folgen eines Wespenstiches verstorben war, und sie sich recht schnell von ihrer Trauer und einer, wenngleich kurz dauernden, doch überaus heftigen Furcht vor Einsamkeit erholt hatte, war in ihr der feste Entschluss gereift, das weitere Dasein ohne Mann zu genießen. Sie hatte, so glaubte sie, einfach nicht mehr die Kraft, die es braucht, zwei derart unterschiedliche Wesen wie Mann und Frau auf ein albernes Gemeinsames zu zwingen. Gelegentlich gefühlte Wollust kämpfte sie lyrisch nieder. Die Reihe ihrer unveröffentlichten Werke zierte gleich zwei Regale und allzu romantische Illusionen verbot ihr schon ihr pragmatischer Verstand. Trotzdem pflegte sie einen herzlichen Umgang mit dem männlichen Geschlecht. So auch mit Herrn Kösens, dem sie heute ein selbst gebackenes Stück Heidelbeerkuchen mitgebracht hatte.
Am Beckenrand angekommen, atmete Mechthild aus dem Bauch heraus aus, bevor sie ihren Bademantel öffnete. Als junges Mädchen von knabenhafter Gestalt, hatte sie im Laufe der Jahrzehnte von der Taille ab aufwärts zugenommen, während Beine und Po ein verhungertes Dasein fristeten. Ihr Bauch traf sich an den Seiten mit ein, zwei Röllchen Rückenspeck, und ihr Busen ruhte mächtig im starken Korsett des spitz gearbeiteten Oberteils ihres schwarzen Badeanzuges. Wie sie so dastand erinnerte sie Herrn Schmiedel, der eben prustend vorbeigeschwommen kam, an eine imposante Zypresse, die groß und würdevoll den Eingangsbereich eines herrschaftlichen Palais zierte.
»Frau van Weihen! Ich muss schon sagen! Selbst das Wasser wird sanfter, wenn Sie das Bad betreten.«
Mechthild lächelte und ließ den Blick über das weite Nass schweifen. ...
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